Die Camerata

Die Entdeckung und nachfolgende Eroberung und Kolonisierung Lateinamerikas hatte als Folge die Entstehung einer Gesellschaft mit dem Stempel der westlichen christlichen Zivilisation, die jedoch gleichzeitig andere, neue Elemente enthielt. Das Zusammenleben oder sogar die Mischung der drei ethnischen Gruppen - Europäer, Ureinwohner und Afrikaner - hatte eine neue Kultur zur Folge: Hauptsächlich europäisch geprägt, aber bereichert durch die Riten und Bräuche der anderen zwei Volkstümer. Im Verlauf der Jahrhunderte hat diese lateinamerikanische Identität ihre Bindung an die Alte Welt nie verloren, aber in vielen Aspekten hat sie eine unabhängige Evolution gezeigt. Selbstverständlich war der Musik dieses Phänomen nicht fremd, aber erst ab dem 19. Jahrhundert, mit der Entstehung des Nationalismus in der europäischer Musik, starteten viele Komponisten in Lateinamerika den Versuch, eine eigene, originelle Musik zu schaffen.

Als ich nach Deutschland kam um mein Kompositionsstudium fortzusetzen, war es für mich eine schöne Überraschung, das Interesse des Publikums für Tango und andere lateinamerikanische Musikgattungen festzustellen. Und so entstand nach einiger Überlegung das Projekt Camerata Dos Mundos, das bedeutet „Zwei Welten“: Ein Streichorchester dessen Repertoire aus europäischen und lateinamerikanischen Komponisten besteht, um so die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen zwei Welten zu zeigen. Unser erstes Programm war ein gutes Beispiel dafür: So konnte man Werke von Komponisten wie Mozart und Bartók kombiniert mit Autoren wie Piazzolla und Guastavino hören, und ich muss sagen, dass die enthusiastische Reaktion des Publikums die Gültigkeit dieses Konzeptes überzeugend bestätigt hat.

Aber nicht nur die ausgewählte Musik hat einen doppelten Ursprung. Auch die Mitglieder der Camerata kommen aus diesen zwei Welten: Deutschland, Argentinien, Spanien, Panama, Polen… Hauptsächlich besteht unsere Camerata aus ausgezeichneten Absolventen von deutsche Musikhochschulen, vorteilhaft ergänzt durch einen erfahrenen Musiker wie unseren Concertino Juan Roqué Alsina, langjähriges Mitglied der Buenos Aires Philharmoniker und einiger führender Tangoensembles Argentiniens. Das Resultat dieser interkulturellen Arbeit ist ein faszinierendes Erlebnis, das alle Beteiligten nicht nur künstlerisch, sondern auch menschlich enorm bereichert.